Arbeitspaket 6

Sturmfluten als Steuerungsfaktor für die prähistorische Küstenentwicklung – geologische Voraussetzungen und natürliche Anpassungsmechanismen

Im Fokus von Teilprojekt 6 steht die Untersuchung prähistorischer Sturmfluten und ihre Auswirkungen auf die unbedeichte Nordseeküste. Vor dem Bau von Deichen existierte eine breite Übergangszone zwischen dem offenen Wattenmeer und dem Festland (Abb. 1) – eine Landschaft, die durch grundlegend andere morphologische Prozesse geprägt war als heute. Entsprechend unterschieden sich auch die Effekte von Sturmfluten deutlich von den bekannten jüngeren Ereignissen, die immer mit Deichbrüchen einhergingen. Deren Ausbreitung und Folgen sind in der Regel gut durch historische Quellen dokumentiert. Die Auswirkungen prähistorischer Sturmfluten hingegen wurden bislang kaum systematisch erforscht. Hier stellen sich nun eine Reihe von Fragen. Beispielweise, wie stark das Wasser damals ins Inland vorgedrungen ist und inwieweit kurzfristige Veränderungen durch Sturmfluten langfristige Umgestaltungen der Küstenzone begünstigten – insbesondere im Zusammenspiel mit dem holozänen Meeresspiegelanstieg. Um diesen Fragen nachzugehen, werden Sturmflutablagerungen kartiert und mit bestehenden Paläo-Landschaftskarten kombiniert. Auf diese Weise sollen geologische Vorbedingungen identifiziert werden, die das Vordringen der Sturmflut ins Hinterland entweder erleichtert oder behindert haben, dies sind z.B. reaktivierte Priele bzw. hochgelegene Moore oder Geestbereiche.

Die Nordseeküste, wie sie vor dem Deichbau und extensiven menschlichen Aktivitäten ausgesehen haben könnte (KI-generiert mit ChatGPT Plus GPT-4). Die Wattflächen gehen langsam in Salzwiesen über, die landwärts wiederum von Mooren begrenzt sind. Die Geestflächen, die sich noch weiter landeinwärts befinden, sind bewaldet.

Die Kartierung stützt sich auf geologische Schichtenverzeichnisse aus den Archiven des Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie sowie auf neue Geländedaten. Im Feld kommen Rammkernsondierungen zum Einsatz, mit denen Sedimentkerne des Küstenholozäns aus dem Untergrund entnommen und auf charakteristische Sturmflutablagerungen hin untersucht werden (Abb. 2). Hierbei handelt es sich um klastische Ablagerungen innerhalb eines Torfhorizonts, einen sogenannten „Klappklei“ (Abb. 3). Durch radiometrische und Lumineszenz-basierte Altersdatierungen lassen sich diese Ereignisse zeitlich einordnen und die Entwicklung der damaligen Küste rekonstruieren. Die so gewonnenen sedimentologischen Daten werden sowohl miteinander als auch mit geophysikalischen Messungen (z.B. Geomagnetik oder Georadar) korreliert. So entstehen detaillierte Paläo-Landschaftsrekonstruktionen, die ein vertieftes Verständnis der natürlichen Küstendynamik ermöglichen – eine wichtige Grundlage für nachhaltige und naturnahe Küstenschutzstrategien der Zukunft.

Ein 17 Meter langer Sedimentkern, der in der Nähe von Bremerhaven erbohrt wurde und die komplette holozäne Sedimentabfolge an dieser Stelle zeigt. Marine Wattablagerungen bzw. brackisch-lagunäre Ablagerungen (grau) wechseln sich mit terrestrischen Torfen (dunkelbraun) ab. Dies spiegelt die Küstenveränderung im Verlauf des Holozäns wider. Es befinden sich außerdem mehrere Lagen von „Klappklei“ (Beispiel im Detailausschnitt) innerhalb der Torfhorizonte. (Bild: AG Naturrisikoforschung und Geoarchäologie, Geographisches Institut, JGU Mainz in Kooperation mit NIhK)

Kernaspekte:

  • Sedimentologische Erfassung prähistorischer Sturmflutablagerungen aus Archivdaten und Sedimentkernen
  • Datierung prähistorischer Sturmfluten
  • Geologische Vorbedingungen für die Auswirkungen von Sturmfluten vor dem Deichbau
  • Landschaftsrekonstruktionen und Küstenentwicklung im Holozän
Entstehung von Klappklei am rezenten Beispiel des Sehestedter Außendeichsmoores am östlichen Jadebusen, das aufgrund seiner Lage bei hohen Wasserständen in Kontakt mit Meerwasser kommen kann. Bei Sturmflut schwimmt der obere Teil des Moores auf und das Meerwasser samt Suspensionsfracht gelangt in den Zwischenraum. Nach der Sturmflut bewegt sich der Torf wieder in seinen Ursprungszustand zurück und das zuvor hineingespülte Sediment bleibt innerhalb des Torfes erhalten. (Bild: Modifiziert nach Behre & Kuҫan, 1999)